Ist Sizilien männlich?
Ist Sizilien männlich?!
Ich habe mir diese Frage in letzter Zeit öfter gestellt.
Als unabhängige Frau, habe ich eine eigene Firma, lebe seit 20 Jahren in Italien, kenne mich mit Technik aus, fahre Auto, verdiene meinen Lebensunterhalt – kurz gesagt: Ich komme gut klar.
Und dann kam Sizilien.
Und plötzlich wurde ich…nicht mehr gesehen..
Zum Glück habe ich Humor. Viel Humor.
Die Umzugsfirma und die unsichtbare Frau
Das erste Mal aufgefallen ist es mir bei unserem Umzug von Giardini Naxos nach Scicli.
In meiner Single-Wohnung hatte ich alles selbst gemacht: renoviert, geplant, Material gekauft, die Küche entworfen (ich habe schließlich 10 Jahre als Einrichtungsberaterin gearbeitet). Die Männer in den Bau- und Werkzeugläden haben mich irgendwann akzeptiert – manchmal erstaunt, aber es ging.
Doch mit einem Mann an der Seite wird man ZACK….UNSICHTBAR
Der Umzug war von mir perfekt deutsch vorbereitet: Kartons beschriftet, alles sortiert, Küchenmodule durchdacht geplant.
Doch am Umzugstag wurde für jeden Karton, für jedes Möbelstück, jede Kleinigkeit nur Alfonso gefragt:
„Wo soll das hin?“
„Wie bauen wir das auf?“
„In welchem Zimmer steht das?“
Egal, wie oft wir erklärten, dass ich diejenige bin, die den Plan im Kopf hat:
Sie sahen mich einfach nicht.
Ich stand daneben, sprach, erklärte – nichts. Null Reaktion.
Irgendwann gaben wir auf.
Meine ganze Organisation verpuffte – hop hop, fertig.
Beim Hydrauliker das gleiche Spiel.
Beim Auto sowieso.
Und selbst Anmeldungen bei Wasser oder Enel gelten als „Männersache“.
Andere Länder, andere Sitten. Aber manchmal… uff.
Beruf – aber bitte nur den Mann fragen
Wir sind viel unterwegs und kommen ins Gespräch..
Wenn es Männer sind, kann ich mich zurücklehnen – ich werde nämlich gar nicht in Betracht gezogen.
Fragen nach dem Beruf?
Natürlich an Alfonso.
Ich hole Luft, bereit zu sagen „Ich habe ein Reisebüro…“
Doch zwecklos.
Einkaufen und Restaurant
Auch da wird es interessant.
Beim Gemüsehändler diskutieren die Männer ausführlich über Reifegrad von Obst, Herkunft und Zubereitung verschiedener Gemüsesorten.
Das Gleiche gilt auch für Fisch, Fleisch und Käse.
Im Restaurant wird der Wein vom Mann probiert.
Natürlich.
Die Frau darf dann später vielleicht sagen, ob sie ihn mag.
Wohnsitzanmeldung – ein Erlebnis
Bei der Wohnsitzanmeldung dachte ich noch: Wenigstens hier bin ich ein Individuum.
Ha!
In Brixen, Caprino Veronese und Giardini Naxos hatte ich immer meine eigene Bescheinigung.
In Scicli dann: Wir melden uns an – und ich lande auf Alfonsos Dokument, als Anhängsel.
„Ein Dokument reicht. Der Mann hat ja eins!“
Super!
Allerdings… einer Freundin auf Sardinien wollte man gar keinen eigenen Ausweis geben:
„Sie sind doch verheiratet, Ihr Mann hat eine Identitätskarte.“
Da habe ich ja noch richtig Glück gehabt! hahahaha
Sizilianische Realität
Natürlich gibt es Ausnahmen.
Viele Sizilianerinnen arbeiten, setzen sich durch, bauen Firmen auf und haben Erfolg.
Aber das alte Patriarchat ist da.
Es ist noch tief verwurzelt, man spürt es.
Vor Kurzem habe ich ein Buch gelesen, das diese Dynamik so gut beschreibt, dass ich mehrfach laut lachen und gleichzeitig schlucken musste.
Ich empfehle es inzwischen allen meinen Kundinnen als Reiselektüre.
Und ja: Wenn ihr eure Sizilienreise bei mir planen lasst, bekommt ihr natürlich auch Buchtipps.




