Ikaria- Die Insel der Hundertjährigen
Giannis rennt zwischen Souvlaki-Grill und Küche hin und her. Auf der Fensterbank liegen die Spielsachen seiner Töchter. In der hinteren Ecke sitzen zwei ältere Männer aus dem Dorf, sie schweigen und schauen fern. Die Frau am Nachbartisch steht immer wieder auf, um beim Bedienen der Gäste zu helfen. Die 4 Katzen, die vor der Tür der Taverne sitzen, hoffen auf einen sättigenden Abend.
Ich sitze mit meinem Mann mittendrin, habe kurz den Gedanken, dass man mal wieder den Boden wischen müsste, doch dann kommen unsere Teller.
Der Gedanke ist vergessen.
Ich genieße. Später auf dem Nachhauseweg fallen mir die vielen alten Autos auf...Wunderschön bunt sind sie. Wann habe ich eigentlich das letztes Mal hellgrüne, orange und azurblaue Autos gesehen?
Zugegeben, sie sind ziemlich zerbeult und zerkratzt. Man transportiert auf den Ladeflächen von Ziege bis Baumaterial alles. In mir entsteht der Wunsch, nach einen alten Pick Up.
Es ist 21 Uhr, der Minimarket des Dorfes ist immer noch geöffnet und beim Zahnarzt ist auch noch das Licht an. Ein kleines Mädchen sitzt am Schreibtisch und spielt am Computer.
Mein Urlaubsgefühl: Ich bin willkommen, aber nicht notwendig.
Ikaria ist die Insel der Hundertjährigen, ich kann mir vorstellen warum.
Wenn Menschen aus dem Norden bei einer Sizilienreise von la vita lenta (das langsame Leben) schwärmen, dann ist das hier nochmal eine ganz andere Kategorie.
Mir fällt auf, dass die Frauen eine starke Rolle spielen und mir gefällt ihre Natürlichkeit. Ich habe zum Beispiel keine künstlichen Fingernägel gesehen, kein Botox und keine Entenschnabellippen...das kann Zufall sein, aber ich glaube, Äußerlichkeiten bringen einen auf so einer Insel nicht weiter. Wer dort lebt und vor allem wer dort bleibt, hat andere Prioritäten.
Wir haben uns sofort an den Rhythmus der Insel angepasst und uns in der Taverne, in der Bäckerei und in der Bar gut unterhalten und verstanden gefühlt obwohl dort kein englisch gesprochen wurde...italienisch- griechisch ist eine gute Kombi…
"una faccia und razza"
...sagt man überall zu uns. (ein Gesicht eine Rasse) Der Ausspruch stammt aus der Zeit des zweiten Weltkrieges... während der italienischen Besatzung in Griechenland, um Gemeinsamkeiten statt Feindseligkeiten zu betonen.
Schaut mal den oscarprämierten italienischen Spielfilm Mediterraneo (1991), der von italienischen Soldaten auf einer griechischen Insel handelt...dort gibt es die berühmte Szene zu diesem Spruch. Ich habe den Film schon mehrmals gesehen, weil er so toll ist.
In Griechenland bin ich eine waschechte Sizilianerin...hahahahaha
Wenn wir gefragt werden, woher wir kommen, wäre es natürlich zu umständlich zu erklären, dass ich in Deutschland geboren bin, seit 20 Jahren in Italien lebe, die italienische Staatsbürgerschaft habe, dass Alfonso aus Kampanien kommt und dass wir aber auf Sizilien leben...Also werden wir der Einfachheit halber beide zu Sizilianern.
Ach und auch lustig war, als Alfonso in einer Taverne vom Inhaber gefragt wurde, von welcher Fussball- Mannschaft er Fan ist...Mein Mann antwortete, wie aus der Pistole geschossen Juventus Turin. Ich habe ihn erstaunt von der Seite angeschaut...hääää, wieso? seit wann? Er schaut nie Fussball und weiss noch nicht mal einen Spielernamen...aber Italiener und Fussball das gehoert scheinbar im Ausland zusammen und solche Vorstellungen darf man natürlich nicht enttäuschen.
Und nach einem Ouzo spielen solche Details sowieso keine Rolle mehr.
Kurz gesagt, die Insel hat uns überwältigt, mit ihrer Schönheit, mit der Langsamkeit, mit ihrer Einfachheit
und vor allem auch und besonders mit dem Essen…
Man muss nicht aufpassen, in Touristenfallen zu tappen...es gibt Tourismus, aber die Insel lebt nicht nur davon. Und überall wo gekocht wird, kocht man für die Menschen der Insel und nicht nur für den Gast, der nach ein paar Tagen wieder verschwindet.
Wenn du jetzt sagst, oh, das würde mich auch mal interessieren...hier bin ich!
So einen Inselurlaub abseits vom Pauschaltourismus zu planen, braucht Zeit und Erfahrung. Die Inseln sind alle total verschieden und wichtig ist, erst mal herauszufinden, welche Vorstellungen du hast.
Kleine Insel bedeutet für jeden etwas anderes... Es gibt Inseln, deren Namen DU persönlich vielleicht noch nicht oft oder nie gehoert hast, die aber trotzdem ziemlich voll sind, vor allem im Sommer. Es gibt Inseln, die wirklich sehr sehr ruhig sind, diese Ruhe tut gut, aber die muss man auch "vertragen" und akzeptieren.
Gib Inseln eine Chance, die keinen weissen Sandstrände haben. Das sind auch in der Regel die, die sie selbst geblieben sind, die die Bettenzahlen begrenzen, die die man frühzeitig buchen muss und die sich nicht anstrengen, dir um jeden Preis zu gefallen...dort läuft das Leben, wie es ist und die Menschen geben dir die Möglichkeit, für einen kurzen Moment daran teilzuhaben…
Sie öffnen ihre Tür für dich.












